Musikgespräche

"Ich habe noch nie so intensiv gelebt und gelernt"

Ein SINFONIMA-Interview mit der Dirigentin und Pianistin Anna Handler

Die Pianistin und Dirigentin Anna Handler lebt aktuell in New York City, wo sie als erste Dirigentin überhaupt ein Vollstipendium des Juilliard-Kovner-Fellowship an der The Juilliard School erhalten hat: Mit Kathrin von SINFONIMA sprach sie über diese Zeit und mehr.

Anna Handler (Fotograf Andrey Nastasenko)

"Ein stark gestikulierender Mensch bin ich von kleinauf,
auch schon beim Singen."
 

SINFONIMA: Liebe Anna, du bist in Deutschland groß geworden, genauer gesagt als Bayerin, aber hast ebenfalls kolumbianische Wurzeln. Macht diese Mischung es dir besonders einfach, mit unterschiedlichen Nationalitäten zusammen zu arbeiten?

AH: Einfacher macht es das auf jeden Fall! Die Herkunft meiner Mutter und die Mentalitätsunterschiede haben mich stark gemacht für eine große und diverse Welt und helfen mir im Alltag sehr! Ich liebe es, verschiedene Sprachen zu sprechen und sehe das auch als Tor zur Welt. Deshalb habe ich als Ziel bis zu meinem dreißigsten Geburtstag, sechs Sprachen fließend zu beherrschen. Deutsch, englisch und spanisch sind schon geschafft, italienisch, französisch und russisch sind meine anderen drei Favoriten. 

Deine musikalischen Laufbahn begann mit Gesang, Violine und Klavier. Klavier hast du vor dem Dirigieren studiert. Was war ein besonders intensiver musikalischer Moment in dieser Zeit?

Es fällt mir schwer nur einen Moment herauszuheben. Aber es gibt ein paar Namen, die mich besonders geprägt haben: Enrico de Paruta, Heinrich Klug und die Accademia Pianistica di Imola, mit allen dreien verbinde ich Erfahrungen die für mehrere Jahre mit mir gewachsen sind und mit denen ich wachsen durfte. Jede davon hat mich geprägt, weil sie mich an meine Grenzen gebracht und mir gezeigt haben, dass ich das liebe, was ich tue. 
Ich erinnere mich daran wie es sich anfühlte an Weihnachten in der Münchner Allerheiligen Hofkirche gemeinsam mit meiner Schwester Laura bei Enrico de Paruta zu singen. Ein Gefühl von Geborgenheit, aber auch großem Druck; diese Balance innerlich zu spüren, auszuhalten und zu zelebrieren finde ich auch heute noch sehr spannend. 
Das Studium bei der Accademia Pianistica in Imola, Italien - ich begann dort als ich sechzehn Jahre alt war und machte meinen Abschluss mit einundzwanzig - prägte mich sehr, weil dort Künstlerpersönlichkeiten lehren, die einen Lebensstandard vertreten, der zu hundert Prozent der Musik und weniger dem Ego gewidmet ist. 

Das Studium bei der Accademia Pianistica - ich begann dort als ich sechzehn Jahre alt war und machte meinen Abschluss mit einundzwanzig - prägte mich sehr, weil dort Künstlerpersönlichkeiten lehren, die einen Lebensstandard vertreten der zu hundert Prozent der Musik und weniger dem Ego gewidmet ist. Gerade in der Dirigentenwelt begegnet man sehr starken Persönlichkeiten, die ihre Meinung zu allem abgeben und sich dadurch inszenieren. In dieser Akademie geht es rein um Qualität. Sie hat dadurch meine Weltsicht auf Kunst und was man damit erreichen kann, als erste Institution geschärft. 

Mit dieser Sicht auf die Kunst kam es denn aber, dass du nach dem Klavier das Dirigieren begonnen und dich quasi um 180 Grad auf der Bühne gedreht hast. Was ist passiert?

Am Pestalozzi Gymnasium hatte ich einen Geigenlehrer, der eine gewisse Persönlichkeit in mir gesehen hat und mich mit Leonard Bernstein und seinen Young Peoples Concerts vertraut machte. 
Privat aufgenommene Videos mit mir zeigen, dass ich schon früh in unserer Klasse den Chor dirigiert und meine Hände für vieles eingesetzt habe. Ein stark gestikulierender Mensch bin ich von kleinauf, auch schon beim Singen. 
Ich glaube, es hat mir einfach nie Angst gemacht, Menschen für das zu begeistern, an was ich glaube. Meine Begeisterung zu teilen war immer ein starker Wunsch. Und als ich sinfonische Musik dann zum ersten Mal wahrgenommen habe, löste sie in mir unglaublich vieles aus. 

Nachdem du mit dem Studium an der Hochschule für Musik und Theater in München und der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar begonnen hast, bist du nun mit Stipendium an die Juilliard School. Was macht das Besondere am Studium dort aus?

Nach langer Suche und einigen Hürden, die ich überwinden musste, ist hier zu sein eines der größten Geschenke, die ich je erhalten habe. Jeden Tag genieße ich in vollen Zügen, auch wenn sie mich oft an meine Grenzen bringen: ich habe noch nie so intensiv gelebt und gelernt. 

Mein Vollstipendium an der Juilliard School bedeutet, dass Verpflegung und Unterkunft bezahlt sind und ich mich nur ums Studium kümmern muss: runter aus meinem Zimmer das auf dem Campus liegt und rein in die Schule; so kurze Wege hatte ich nie zuvor! Das spart mir Zeit und lässt mich voll und ganz auf das Studium konzentrieren. Was manchmal aber auch zu einem gewissen Druck und Spannung führt, weil man die ganze Zeit in dieser Blase ist. Andererseits wird diese Zeit vermutlich nie wieder kommen und deshalb bin ich sehr dankbar dafür. 
Im Studiengang sind wir nur zu viert, je zwei im ersten und im zweiten Jahr. Divers mit zwei Frauen und zwei Männern mit sehr vielen ethnischen Hintergründen werden wir maximal individuell gefördert. Jede Woche dirigieren wir und zusätzlich gibt es dieses unschlagbare kulturelle Angebot mit Carnegie Hall, Metropolitan Opera und dem New York Philharmonic Orchestra. Jeden Abend kann man Konzerte aus Jazz, historischer Aufführungspraxis und allem was man sich wünscht besuchen. Und jeden Tag lerne ich neue Stücke kennen und genau davon habe ich immer geträumt. 

Neues Land, neue Inspiration und andere Komponisten: Ich bin gespannt, wen du uns aus Amerika empfiehlst?

Charles Ives, Scott Joplin und Florence Price habe ich in diesem Jahr besser kennen lernen dürfen. Alle drei sind zwar tot und theoretisch könnte ich auch viele Lebende nennen. Aber diese drei könnte man mehr spielen, weil sie sich leicht auf Programme setzen lassen. Ihre Musik ist sehr schön und eingängig. 
Scott Joplin und Florence Price waren dunkelhäutige Künstler*innen. Hört euch mal meine Neuentdeckungen von ihnen an: das Violinkonzert von Florence Price und die Oper „Treemonisha“ von Scott Joplin. Bei Charles Ives ist es gerade die zweite Sinfonie, die mich beschäftigt; er schrieb sie als er seinen Abschluss an der Yale University machte. Sie ist gespickt mit schönen Folk Tunes, außerdem hat das Werk eine starke rhythmische Komplexität. Die Klänge sind für mich etwas Neues und trotzdem sehr Eingängiges. 

Mir kommt es vor, als hätte dich schon sehr früh das eigenständige Arbeiten gereizt. Eigene Ideen umzusetzen, etwas in die Hand zu nehmen und zu formen. Du hast das Ensemble Enigma Classica in Deutschland gegründet. Was war deine Intention dafür?

Ein innovativer Geist ist die Voraussetzung, um den für mich so wichtigen gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen. Wir verfolgen mit Enigma Classica neue Ansätze, die Brücken bauen wollen zu einem tieferen Verständnis und dadurch auch intensiveren Erlebnis von Musik. 
Enigma Classica ist sowohl ein Orchester, als auch ein Start-Up. Hinter dem Namen verbirgt sich ein innovative Musikvermittlungsidee, die wir sowohl in Livekonzerten als auch in einem multimedialen Format in der Zukunft verfolgen werden. 

Wie hast du die richtigen Menschen zusammengebracht und wo hast du sie gefunden?

Die Suche nach einem besonderen Team hört niemals auf. Ich spreche viel mit Leuten über mein "Warum" und versuche dann, mit denjenigen zusammenzuarbeiten, die das gleiche "Warum" antreibt und die sich mit den gleichen Fragen beschäftigen wollen. 
Das Buch "Always start with why" oder "The Go-Giver" haben mich in den letzten Jahren immer wieder inspiriert, diesen Ansatz weiterzuverfolgen.  

Die Zusammenarbeit von mehreren Menschen ist nicht immer leicht. Was würdest du Menschen empfehlen, wenn Sie unterschiedliche Mentalitäten zusammenbringen wollen?

Ich versuche viel zuzuhören und mich in unterschiedliche Perspektiven und Bedürfnisse mit einzudenken. Das Themenfeld "Equity, Diversity and Belonging" hat für mich seit meiner Ankunft in New York eine neue Dimension gewonnen. Für mich gibt es dabei noch einiges zu verstehen und zu lernen.  
Diverse Teams, und damit kann auch eine diverse Alters- oder Geschlechterstruktur gemeint sein, haben ein sehr hohes Erfolgspotenzial. Momentan befinde ich mich als Stipendiatin des Cusanuswerks im Karriereförderprogramm für Frauen der Begabtenförderungswerke. Im Rahmen dieses Mentoringprogramms habe ich zuletzt gelernt, dass sich Werte auch über meine Sprache artikulieren. Um eine Sprache zu sprechen, die meine Werte spiegelt, habe ich mich zum Beispiel dazu entschieden, zu gendern.  
In einer so verbundenen Welt wie heute habe ich aber auch das Glück, dass ich mich nicht mehr allein über meine Nationalität oder Mentalität, sondern eben verstärkt über meine Werte identifiziere. Diese versuche ich immer wieder auch in Zusammenarbeit mit neuen Menschen zum Ausdruck zu bringen und damit Brücken zu bauen.  

Wenn du auf die vergangenen zwei Jahre zurückblickst in denen sehr viel in deiner Karriere passiert ist: was wäre ein entscheidender und magischer Punkt an den du dich immer erinnern wirst?

Die Aufnahme an der Julliard School kam für mich wie ein Befreiungsschlag in einem Moment, an dem ich dieses Vertrauen gebraucht habe. Dass jemand an mich glaubt, hat mir viel Auftrieb gegeben, sehr hart weiter zu arbeiten. Natürlich war die Assistenz mit Kiril Petrenko im November sehr entscheidend um sein hohes Niveau an Arbeit und seine Arbeitshaltung mitzuerleben. Und gleichzeitig die unterschiedlichen Dirigierpersönlichkeiten zu beobachten und zu sehen, dass es nicht „diesen einen Dirigententypus“, sondern viele Wege gibt, um ein kluger und weiser Leiter zu werden. 

   Anna Halder (Fotograf: Andrey Nastasenko)

Das klingt nach wichtigen Wegmarken! Was sind darüber hinaus deine Ziele im kommenden Jahr?

Sehr vieles und unterschiedliches Repertoire steht auf meiner Liste. Außerdem möchte ich mehr Bücher über Musik, Philosophie und Unternehmertum lesen, an meinen Sprachkenntnissen und an Enigma Classica arbeiten. 

Unglaublich gespannt bin ich auch auf viele der neuen Dirigiermöglichkeiten die anstehen: das DSO Berlin und Sinfonieorchester Liechtenstein gehören dazu, die Salzburger Festspiele mit einer Kinderoper und einige andere Dinge.


Es war ein schönes und spannendes Gespräch mit dir, liebe Anna. Würdest du uns zum Abschluss noch einen Komponisten mitgeben, der dich gerade bewegt?

In Anbetracht der aktuellen politischen Situation möchte ich mich gerne mehr mit Werken beschäftigen, die in politisch angespannten Lagen entstehen mussten. Von Beethoven über Schostakowitsch frage ich mich, auf welche Fragen ihrer Zeit die Komponisten in welcher Form reagiert haben. Der Komponist reagiert auf sein Umfeld und setzt damit Energien frei. Für mich als Interpretin ist es wichtig, diesen Prozess nachzuvollziehen und daraus auch für heute Schlüsse zu ziehen. 

Vielen Dank für das schöne Interview.


Das Interview führte Kathrin 

 

 

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