Musikgespräche

Vimbayi Kaziboni über die Poesie der Musik

Ein SINFONIMA-Interview im Rahmen des Musikfests Berlin 2021

Auf dem Musikfest Berlin 2021 trifft Kathrin von SINFONIMA Vimbayi Kaziboni. Es folgt ein Gespräch über die Poesie der Musik.

Vimbayi Kaziboni während der Uraufführung "House of Call" auf dem Musikfest Berlin 2021 (Copyright Astrid Ackermann/Musikfest Berlin)

Vimbayi Kaziboni, mich würde interessieren, wie Sie die Schönheit von zeitgenössischer Musik beschreiben? Was macht sie so besonders für Sie?
Für mich ist zeitgenössische Musik der perfekte Zustand von Ekleptizismus, sie löst Fesseln und Grenzen auf. Man könnte auch sagen, dass hinter ihr eine Punk-Rock-Philosophie steckt, in einem Zug umarmt man mit ihr alles und nichts. Jeder kann mit ihr er selber sein. Bei ihr halten wir uns weiterhin an bekannte Strukturen und gleichzeitig existiert da diese Idee, diese Grenzen und Ideen zu untergraben. 

Wenn ich ein Werk erarbeite, setze ich mich mit dem Kosmos des Komponisten und seiner Musik auseinander, ganz gleich ob ich etwas zeitgenössisches oder beispielsweise Beethoven vorbereite. Ich arrangiere quasi mein Gehör neu und tauche in die Welt des Komponisten ein. Bei Beethoven haben wir viel über seine Epoche gelesen, gehört und gelernt, aber das bedeutet nicht, dass die Musik durch unser Wissen wie seine Musik klingen wird. 

Genauso ist es mit der zeitgenössischen Musik: zu wissen, was 12-Ton-Musik bedeutet, was ihr Spektrum ist, reicht nicht aus. Man muss den Komponisten kennenlernen und man muss ergründen, was er sich bei dem jeweiligen Werk gedacht hat und was er sagen wollte. Wir müssen uns vom traditionellen Wesen der klassischen Musik befreien, von dem was wir bei anderen Komponisten und Epochen gelernt haben und ohne diese Schubladen das Werk erarbeiten. Denn das Wissen, das wir in diesem Moment mit uns tragen, ist unser persönliches Gepäck, nicht unbedingt aber die Intention des Komponisten und seines Werks. 
 

Vimbayi Kaziboni während der Uraufführung "House of Call" (Copyright Astrid Ackermann/Musikfest Berlin)

Bedeutet das auch, dass Sie die Musik hören, sobald Sie Noten von zeitgenössischer Musik lesen, oder wie erarbeiten Sie diese Musik?
Ich lese sie, erarbeite sie quasi vom ersten Strich bis zum letzten Punkt bevor ich den Komponisten treffe, denn so kann ich mir zunächst meine eigene Meinung bilden. Man kann es sehr gut mit Poesie vergleichen: ich möchte zunächst den Text eines Gedichts lesen, dann finde ich eine Interpretation dafür. Und erst danach beschäftige ich mich mit der Interpretation anderer. So habe ich bereits eine eigene Meinung wenn ich mich mit dem Komponisten treffe und kann zur Konversation beitragen.

Eins der - wenn man es so nennen will - Probleme der klassischen Tradition ist, dass sie dieses schwere Gepäck der Geschichte mit sich führt. Für mich hat es etwas wunderschönes durch diesen schmerzhaften Prozess etwas komplett Unbekannten zu gehen, sich das Werk zu erarbeiten, zu verwerfen, zu verstehen. Es ist wie das Lösen eines Puzzles. Oder wie eine Analogie zum Leben: wir sind hier um Probleme zu lösen.

Wenn wir von Schmerzhaftem und Schönem reden: Was würden Sie gerne wieder erleben und was nicht?
Wieder und immer wieder möchte ich mich für etwas im ersten Moment begeistern, ein Musikwerk das erste Mal verstehen, so wie sich in jemanden verlieben: deine Welt öffnet sich, du gewinnst etwas lieb, es wird dir teuer. Und du sagst dir: “Ich glaube, es könnte so sein” Konjunktive, weil dein Verstand es dir nicht eingestehen will. Aber deine Intuition sagt: “JAAAAAA! ES IST SO!!!!” Und gleichzeitig stellst du alles in Frage. Das ist ein Gefühl das ich liebe, in allem was ich tue. Jedes Mal fühlt es sich an wie die Bestätigung ein Mensch zu sein.

Und gleichzeitig ist es auch so, als wäre man ein Kind und würde etwas das erste Mal in seinem Leben sehen.
Genau das!  Und je älter wir werden, je mehr Wissen und Erfahrungen wir sammeln, desto häufiger verlieren wir unsere Naivität und unsere Unschuld und desto schwieriger ist es, diese Momente zu erhaschen. 

Wenn ich ein Mantra in meinem Leben hätte, dann wäre es weiter durch diese Begeisterung zu wachsen. Und diese Momente zu suchen. 

Und was würden Sie gerne nicht erneut erleben?
Ehrlich gesagt, kann und möchte ich da gar nichts nennen. Denn jedes Mal wenn wir etwas erleben, das nicht schön ist, lässt es uns wachsen. Und dieser Schmerz vergeht. Genau wie die guten Dinge, sie werden nicht immer bleiben. 

Und wenn wir die schönen Dinge immer wieder erleben würden, würden wir sie nicht mehr wertschätzen können, weil sie Alltag wären.

Es gibt dazu diesen wunderschönen Countrysong von Jason Isbell “If we were Vampires”. Es ist ein Liebeslied, das aber auch gleichzeitig vom Tod spricht. Einer der ersten Sätze darin ist: “Ich hoffe, dass ich vor dir sterben werde”. Aber dann spricht er davon was wäre, wenn wir Vampire wären und für immer leben würden: Liebe wäre bedeutungslos. Denn sie würde sich so anfühlen, als hätte man sie für immer. Man würde sie nicht wertschätzen. 

Und genau so kann man es mit allen anderen Dingen im Leben sehen: wenn man etwas für immer hat, dann ist es nicht mehr so viel wert. Was würde ich also nicht mehr erleben wollen? Eigentlich nicht viel, auch wenn es Dinge gibt, die weh tun. 

 

Ein komplett anderes Thema: Wir Menschen sind mit Erfolg und Misserfolg konfrontiert. Wie gehen Sie damit um?
Versagen ist sehr wichtig, aber keiner möchte es erleben und jeder versucht, es zu umgehen. Aber etwas nicht zu schaffen, öffnet Türen zu großartigen Dingen: Ich war immer ein neugieriger Mensch und manchmal geschahen Dinge nicht so schnell, wie ich es mir wünschte. Ich fühlte mich wie ein Versager - ohne dass ich in diesem Moment einer gewesen wäre. 

Zu versagen kann einen lähmen. Und ich hätte mir gewünscht, dass damals jemand zu mir gesagt hätte: “Das hier wird nicht das erste Mal und auch nicht das letzte Mal sein, dass du etwas nicht geschafft hast.” Wenn du aber beginnst über diesen Moment nachzudenken und ihn zu reflektieren, dann sind wir wieder bei dem Thema des Wachsens. Es bereitet dich auf andere Dinge vor, auf andere Momente, die schwierig werden.

Theodore Roosevelt hat in “The Man in the Arena” davon geredet: 
Du musst in der Arena sein, egal was passiert. Denn wenn du nicht dort bist, wirst du nicht herausfinden was passiert. Es ist schon alleine nobel genug dort zu sein, egal ob du gewinnst oder verlierst. 

Und wenn wir jetzt über Scham nachdenken, wovor Menschen sich ebenfalls fürchten: Scham ist ein wichtiges Phänomen unserer Gesellschaft, denn wenn wir über die Werte unseres Zusammenseins nachdenken, dann fühlt derjenige Scham, der sich nicht an unsere Werte hält. 

Manchmal aber fühlen wir Scham in einer Situation, in der wir keine Scham spüren sollten. Zum Beispiel, wenn wir Versagen. Wenn wir Scham und Versagen überwinden können, lernen wir mit unserer Angst umzugehen.


Das Interview führte Kathrin 
auf dem Musikfest Berlin 2021

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