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Musikgespräche

Strategisches Management für die klassische Musik

SINFONIMA-Interview mit Jonas Grunau

"Ich schmunzle immer wenn jemand von außen sein Bild meines Berufs mir beschreibt. Das geht von Veranstalter über Reisebegleitung von Künstlern bis hin zum Ticketverkäufer. Und tatsächlich ist es ja etwas ganz anderes. " Was Jonas Grunau tatsächlich als Manager von Grunau & Paulus Music Management GmbH für und mit klassischen Künstlern tut, hat er uns selbst erzählt.

Jonas Grunau, Sie sind einer der Geschäftsführer von Grunau & Paulus Music Management GmbH, ein seit vielen Jahren erfolgreich bestehendes Management für klassische Musiker mit persönlichem Profil, das durch seine Authentizität besticht. Hatten Sie Ambitionen, Musiker zu werden?
Ganz klar kann ich sagen, dass ich keine Ambitionen hatte Musiker zu werden, da bin ich realistisch. Aber ich bereue es manchmal, nicht so tief in der Musik zu sein wie meine Künstler. Andererseits ist das für mich auch ein Vorteil, denn so kann ich mit einem gewissen Abstand Projekte mit meinen Partnern, Künstlern, Orchestern, Dirigenten und Veranstaltern besprechen.

Wie muss man sich denn Ihren Weg in den Beruf des Managers vorstellen? 
2012 begann ich meine kombinierte Ausbildung in Hamburg als Veranstaltungskaufmann. Ich hatte bei diesem Modell die Möglichkeit,  den wichtigen Praxispart im Impresariat Simmenauer (die damals in Hamburg und heute in Berlin ihren Sitz hat) zu absolvieren.
Danach ging ich nach Basel in die Schweiz zum größten privaten Konzertveranstalter, der Allgemeinen Musikgesellschaft Basel. Nachdem ich während der Zeit im Impresariat Simmenauer schon in die Agenturabteilung der Allgemeinen Musikgesellschaft erste Kontakte geknüpft hatte, bewarb ich mich dort initiativ. Als Veranstalter konnte in allen Bereichen meine Erfahrungen vertiefen, von der Planung der Reihe, über das Ticketing, der Konzertdurchführung bis hin zur Programmgestaltung.

Nach sechs Jahren und ca. 100 Konzerten pro Spielzeit mit dem Who is Who der Klassikwelt war für mich ein Punkt erreicht, bei dem ich enger und dauerhaft mit einzelnen Künstlern arbeiten wollte. Es war spannend all die Künstler der vergangenen Jahre kennen gelernt zu haben, aber es war quasi an der Zeit, sesshaft werden.

Deshalb machte ich mich 2009 mit meiner Agentur selbstständig. Ich begann relativ klein und machte nebenbei Projekt- und Tourneeprojektmanagement für eine große amerikanische Agentur. 2015 kam Antonia Paulus von genau dort als gleichberechtigte Partnerin in meine Agentur dazu. Sie war bis dahin für Dirigenten und Solisten tätig. Dank unserer vorherigen gemeinsamen Arbeiten wussten wir, dass wir nicht nur menschlich, sondern auch fachlich uns gut ergänzen würden.

2015-2018 wurden dann die Agentur und auch die Künstlerliste deutlich vergrößert, unter anderem nahmen wir Dirigenten auf. Und immer noch war - wie auch heute - uns eine große Bandbreite wichtig: junge Solisten, wie auch etablierte Solisten, Kammermusik, besondere Instrumente, Orchestertourneen. Wir wollten immer mit einer breiten Veranstalterlandschaft, wie sie Deutschland bietet, zusammenarbeiten, mit den Großen und den Kleinen. Genau das macht es besonders spannend für uns.

2019 kam dann der nächste wichtige Schritt: unsere Firma wurde zu einer GmbH, wir zogen um und stellten zwei Mitarbeiter an. Durch das neue Team konnten wir ein neues Level erreichen.

Viele Jahre des Lernens, der Eigenverantwortung und dann die eigene Agentur, ein toller Schritt! Was ist denn genau der Manager? Was umfasst dieser Beruf alles? 
Wir bezeichnen uns bewusst als „Management der Künstler“. Der Begriff Agentur ist immer ein wenig negativ behaftet, man ist in den Köpfen gerne schnell mal der Böse. Begehrt und verschrien: der Türöffner und der, der sich an den Gagen bedient. Wir verstehen uns aber als Partner der Künstler, machen strategisches Management und deshalb erarbeiten wir mit jedem Einzelnen persönliche Pläne für die nächsten drei bis fünf Jahre. Das umfasst passende Partner zu finden, Sponsoren, Plattenlabels, Musiker. Man könnte auch sagen, dass strategisches Management unsere Philosophie ist. Salopp gesagt ist Konzerte mit etablierten Künstlern buchen nicht die größte Herausforderung. Aber beispielsweise junge Künstler voran zu bringen, oder auch etablierte Künstler neu auszurichten: das ist immer wieder spannend!
Ich schmunzle immer wenn jemand von außen sein Bild meines Berufs mir beschreibt. Das geht von Veranstalter über Reisebegleitung von Künstlern bis hin zum Ticketverkäufer. Und tatsächlich ist es ja etwas ganz anderes.
Quasi sind wir diejenigen, die alles tun, damit der Künstler sich auf das Üben und das Konzert selbst konzentrieren kann. Neben der Verantwortung für die Umsetzung der Strategie, dem Füllen der Konzertkalender, dem Kontakt mit den Orchestermanagern, den Intendanten oder Festivals, organisieren wir auch die Reisen und Hotels bis hin zur Garderobe. Full Service quasi, oder All Inclusive? 

Reisen Sie dann auch zu diesen Konzerten mit an? 
Bei allen Konzerten können wir natürlich nicht dabei sein, aber wenn es sich einrichten lässt, dann gerne. Besonders bei Orchestertourneen,wenn bis zu 100 Personen bei so einer Reise „arrangiert“ werden müssen, ist immer jemand von uns dabei.

Und wenn jetzt eine neue Werkauswahl ansteht, nehmen Sie dann durch Ihre strategische Planung auch Einfluss auf die Werkauswahl? Oder lassen Sie das Künstlerische komplett in Musikerhänden?
Wie eingangs gesagt, wollen wir gemeinsam mit unseren Künstlern arbeiten. Die künstlerische Entscheidung liegt immer beim Künstler, aber wir versuchen die Programme gemeinsam mit ihnen nach dem aktuellen Marktgesetz zu begutachten. 

Ein wichtiger Punkt dabei ist, ob so ein Programm aufgenommen und veröffentlicht werden soll: der CD Markt hat sich in den letzten Jahren sehr verändert, sodass Programme die aufgenommen wurden auf jeden Fall im Konzert gespielt werden müssen. Denn erst dadurch wird die CD verkauft. Wir diskutieren das ganz offen mit allen Beteiligten. Und auch bei diesen Projekten gilt: unser Job ist es nicht die Hand aufzuhalten. Wir organisieren mit, suchen Partnermusiker und Aufnahmepartner. Meist sind wir in die Projektplanung von Anfang bis Ende mit eingebunden. 

Wir hatten gerade Weihnachten, welches Instrument hätte unter Ihrem Baum liegen sollen?
Wenn ich selber spielen könnte und würde, dann wäre es das Cello. Aber ich kann’s ja nicht. Aber wenn, dann würde ich darauf Dvorak’s Cellokonzert spielen.

Ein wunderschönes Instrument mit seinem warmen und vollen Klang! Gerade verändert sich unsere Welt sehr schnell: Wie stellen Sie sich das Konzert der Zukunft vor? Was gehört unbedingt dazu und was nicht?
Ich bin überzeugt davon, dass der digitale Raum mehr und mehr Konzertformate bieten wird, aber bitte vernünftig gestaltet. Inhalte und künstlerisches Schaffen dürfen nicht kostenlos oder fast kostenfrei sein. Sie müssen eine angemessene Entlohnung für die Ausübenden bieten! 

Außerdem wünsche ich mir in vielen Bereichen wieder mehr Mut dazu, junge und lokale Künstler zu engagieren. Wir brauchen mehr als die 10 Namen die in den Programmheften hoch und runter auftauchen, die das Risiko mindern, zu wenig Tickets zu verkaufen. Zuhörer und Einkäufer, lasst mehr Vielfalt und mehr Mut zu neuen Namen und unbekannten Künstlern und Instrumenten zu. Gebt ihnen eine Platform und Chance.

Jetzt haben wir viel über Ihren Werdegang, Ihre Erfahrung und Ihre Vision gesprochen. Danke, dass Sie uns daran haben teilhaben lassen. Was würden Sie Musikern empfehlen, die sich auf dem Sprung in die Selbstständigkeit befinden? Worauf sollten sie besonders achten?
Heutzutage reicht es nicht mehr aus nur sehr gute Musik zu machen! Die Branche hat sich verändert und für Veranstalter spielen viel mehr Aspekte eine Rolle bei der Auswahl der Künstler die eingeladen werden, die eine Bühne bekommen oder die eine CD produzieren können. Aspekte wie PR, Marketing und in den letzten zwei bis drei Jahren vermehrt auch Social Media Follower und Klickzahlen.
Für Musiker hat sich das Verhältnis zwischen reinem Talent, einem großartigen Musikersein verschoben, sodass von ihnen viel mehr neben dem Musizieren auf der Bühne erwartet wird. 

Das ist der wichtigste Aspekt derzeit, dessen man sich bewusst sein muss. Mein Tipp: die richtigen Partner finden und sich auf den gesunden Menschenverstand verlassen. Mit wem möchte ich arbeiten? So, dass ich gesund in das System kommt, gesund wachse und nicht nur für ein paar Jahre gepusht werde um dann schnell wieder zu fallen. Schließlich ist es doch das Ziel, die nächsten 40 Jahre Musik zu machen.

Und wenn Sie dann einmal  auf einer friesischen Insel sitzen und nicht mehr arbeiten, an welches Ereignis werden Sie sich dann besonders erinnern?
*lacht - das mit der Insel würde für mich als Schleswig-Holsteiner tatsächlich passen! Es waren so viele schöne Erlebnisse, als Veranstalter in Basel mit Künstlern von Weltruf zusammen zu arbeiten, in der eigenen Agentur gemeinsam mit Künstlern Wege zu beschreiten, langfristige Erfolge auf die man gerne zurück blickt.

Eins war aber doch etwas Besonderes für mich: ich war beim Impresariat Simmenauer und durfte, nachdem ich zwei Jahre im Büro saß, endlich raus in die Konzertwelt: es war eine Tournee mit Gidon Kremer und seiner Kremerata Baltica die ich begleitete. 

 

Das Interview führte Kathrin 

 

 

 


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