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Musikgespräche

Ein Schuhkarton mit Überraschungsinhalt

Plötzlich stand Herr S. mit einem Schuhkarton in der Hand vor meiner Geigenbauwerkstatt Goldfuss Geigenbau. „Was ist in diesem Karton?“, fragte ich. „Eine Geige“ antwortete er.

Fotos zum Artikel: Goldfuss Geigenbau Regensburg http://www.goldfuss-geigenbau.de/

Das muss ein pechschwarzer Tag für den Musiker der Bamberger Symphoniker in den 90ern gewesen sein. Nichts Böses im Sinn habend, stolperte er über das Telefonkabel und stürzte mit seinem ganzen Körpergewicht auf die Lazarus Bertoni Geige aus dem Jahr 1759. Sie zerbrach in hundert Stücke.

Das Unglück des Musikers währte jedoch nicht lange: Natürlich war die Geige gut versichert. SINFONIMA entschädigte den armen Musiker und nahm dafür, versicherungsüblich, die Totalschaden-Geige in Besitz. Was sie damit vorhatte?

Zu dieser Zeit wurde in Versicherungskreisen heiß über das Thema Wertminderung von Instrumenten diskutiert.  Die Geige galt für SINFONIMA als Totalschaden und damit irreparabel, eigentlich verfolgte sie damit keine Ziele mehr.
„Genau diese Geige und die von SINFONIMA vermutete Aussichtslosigkeit weckte meinen Instrumentenbauer Ehrgeiz", so Horst Goldfuss. "Denn gerade zu dieser Zeit entwickelten sich die Reparaturtechniken immens. Es gab immer mehr Möglichkeiten, die es auszuschöpfen galt, z.B.  Metall- und Kunststofffolien oder Silikonbetten. Ich war mir sicher: Es gibt keine irreparable Geige und nahm die Herausforderung an.“

Und dann stand Herr S. also vor meiner Tür, mit dem Schuhkarton in der Hand. Darin:

Gemeinsam mit drei Kollegen erstellten Thomas und Horst Goldfuss einen Plan, wie sie vorgehen wollten. „Wir arbeiteten von September 1995 bis Ende Juni 1996 an der Reparatur, natürlich sind die vielen Leim- und Trockenzeiten mit eingerechnet. Und am Ende waren wir erfolgreich.“


  

 

„Die Reparaturkosten überstiegen den damaligen Instrumentenwert bei weitem. Doch diese Investition war es uns wert“, so der damalige Vorstand der Mannheimer Versicherung AG, Dr. Lothar Stöckbauer.“


Heute ist der Geige weder klanglich noch optisch etwas anzumerken. Sie wurde deshalb der SINFONIMA-Stiftung als ständiges Leihinstrument übergeben. Damit steht sie jungen Nachwuchsmusikern zur Verfügung, die den SINFONIMA-Wettbewerb erfolgreich durchlaufen und die Geige zwei Jahre nutzen dürfen.

Bis heute haben acht erfolgreiche Musiker von der Geige profitiert, teils mehrfach hintereinander, darunter Simone MeyerSeit 2019 spielt Alexander Kuznetsov auf der Bertoni.

Vielen Dank an Herrn Goldfuss von Goldfuss Geigenbau in Regensburg, der uns diese Geschichte erzählt und die Bilder des Reparaturprozesses zur Verfügung gestellt hat. 

 





 
Text von Isabelle 

 

Reparaturprozess


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