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Musikgespräche

Keine Angst vor Deadlines - Es funktioniert immer

Acht mal pro Woche stand bzw. saß Martin Morgenstern auf der Bühne, genauer auf der Empore oberhalb der Bühne und arbeitete als Assistant Music Director. Was und wer genau dahinter steckt, erfahren Sie hier. 

Nach einer "Rocky Horror Show"-Aufführung in der Liederhalle Stuttgart traf ich Martin Morgenstern  zum Interview. Es waren nur noch wenige Tage bis zu seiner letzten Show dieser Tour. Acht mal pro Woche stand bzw. saß er auf der Bühne, genauer auf der Empore oberhalb der Bühne. Aus Sicht der Zuschauer, zumindest denen, die darauf geachtet haben, war er "der Keyboarder bzw. Pianist" der Band. Seine eigentliche Rolle auf dieser Tour war jedoch die des "Assistant Music Director". Von September 2017 bis Mitte Februar 2018 war er gemeinsam mit einem weiteren Kollegen in dieser Funktion bei dem verrückten Rock-Musical beschäftigt. Beide "AMD's" unterstützten im Wechsel den "Music Director", Jeff Frohner, indem sie beispielsweise in der Probenphase die Durchführung der Musikproben übernahmen. Der musikalische Leiter hingegen trägt die Hauptverantwortung für den gesamten Bereich Musik und hat somit die übergeordnete musikalische Führung inne. "Vorne zu stehen und die Show zu dirigieren, das ist schon eine große Herausforderung. Man findet irgendwann heraus, was eine kleine Handbewegung für eine große Wirkung auf unterschiedliche Mitwirkende hat und welche Reaktion ausgelöst werden kann. Es kann der Musiker, das Licht sein oder der Vorhang fährt. Also muss man einen sehr souveränen Job machen. Möglichst jeden Abend."

Jetzt ist aber erst einmal Schluss mit Rock 'n Roll im Theater: "Klar ist Wehmut dabei. Die Kollegen sind einem ans Herz gewachsen, man verbringt jeden Tag miteinander, die familiäre Atmosphäre ist wundervoll und es ist immer dramatisch, wenn es auseinander geht."
Bei aller Wehmut freut sich Martin aber schon auf das nächste, diesmal entschleunigte, Arbeitsprojekt: Anfang März geht es 17 Tage lang mit der MS EUROPA aufs Wasser – von Bali nach Myanmar. An Board übernimmt er als musikalischer Leiter diesmal die volle Verantwortung. Auf der Agenda steht ein "Rock meets Classic"-Projekt zwischen TOTO-Sänger Bobby Kimball und der italienischen Sängerin Silvia Vicinelli, deren Produzent er bereits seit 2009 ist. Martin organisierte die Zusammenarbeit, schrieb Musik-Arrangements für die beiden, plante die mitzunehmende Technik. Vor Ort sorgt er dann gemeinsam mit dem Crossover Arrangeur und Musikproduzenten Philipp Maier dafür, dass alles, was die Musik betrifft, nach Plan läuft. Martin Morgenstern ist eben Profi.

Schon als Kind drehte sich sein Interesse hauptsächlich um Musik. Er begeisterte sich sehr stark für Filmmusik von John Willliams und als Autodidakt mit ausgeprägtem Forschersinn für alles, was mit dem Aufbau von Instrumenten und dem Zusammenspiel von Klängen zu tun hatte. Zunächst mit dem Akkordeon, dann auf dem Klavier, das er erst einmal auseinandernahm, um zu sehen, wie es im Innern aufgebaut ist.

Die Frage, "wie alles zusammenhängt", stand für Martin schon immer im Mittelpunkt. Am Wirtschaftsgymnasium seines Bruders gab es sehr ambitionierte Theater- und Musicalprojekte, in denen Martin als Jugendlicher die ersten Schritte als musikalischer Leiter nahm, ohne einen Lehrer dabei an seiner Seite zu haben. "Ich habe dort angefangen, Noten als Orchesterpartitur oder Poparrangement aufzuschreiben, weil keiner es konnte. Ich habe es einfach ausprobiert, auch wenn es viel Arbeit war. Dadurch hat sich das Thema sehr eingebrannt." Mitten im Jazzstudium an der Hochschule für Musik und Tanz Köln bekam er überraschend einen Anruf und somit die erste konkrete berufliche Anfrage von einer Musical Theater Großproduktion, ob er häufiger die Keyboards für Jekyll & Hyde im Musical Dome Köln übernehmen wolle. "Ganz naiv sagte ich spontan zu und spielte bis zu acht mal pro Woche Shows..."
Nach wie vor hat er eine ausgeprägte Passion für Filmmusik und die Verbindung aus Rock/Pop und Theater oder Film, arbeitet als freischaffender Komponist, Arrangeur, Orchestrator, Musik- und Imagefilm-Produzent, unterrichtet oder coacht aber auch und hat bereits mit vielen großen Namen der Musikszene zusammengearbeitet.

Im Prinzip ist er damals wie heute 24/7 von Musik umgeben und muss sich regelrecht zu einer musikfreien Pause zwingen. "Irgendetwas rattert immer. Ein Auftrag, ein Projekt, die letzte Show, was ist gut gelaufen, was hätte besser sein können, kreative Ideen... Ich denke sehr gerne. Mich beschäftigt Musik rund um die Uhr aber ich weiß, dass ich mir meine Pausen nehmen muss um wieder Energie zu tanken." Was er in solchen Momenten gern tut? "Bergwandern." Das kommt wie aus der Pistole geschossen. "Dabei muss man auf jeden Schritt aufpassen und ihn begutachten. Dadurch ist man sehr im Hier und Jetzt, nicht unbedingt bei den Gedanken, die einem im Kopf umherkreisen. Oder auf dem Wasser, ohne Telefonempfang, abgeschnitten von der Welt."

Und wenn ein Auftrag ansteht? "DRUCK." Diese Antwort kommt noch einen Tick schneller als die Antwort "Bergwandern". Er braucht zeitlichen Druck, um die besten Einfälle zu haben. Dabei ist er jedoch kein Aufschiebe-Typ, sondern setzt sich selbst eine-Deadline-vor-der-Deadline und hat somit immer noch zwei Wochen Zeit bis zur finalen Frist. "Es funktioniert immer. Die richtigen Ideen kommen immer im richtigen Moment." Zum Beispiel auch, wenn er sein Fahrrad schiebt, was er zufällig durch einen Platten herausfand und seitdem immer wieder bewusst praktiziert.

Ich lerne Martin Morgenstern als einen Mensch kennen, der sich sehr gut zu kennen scheint und auf seine Bedürfnisse hört. Er vertraut auf seine Fähigkeiten und geht strategisch vor, um sich stellende Aufgaben zu einem guten Ergebnis zu führen.

Strategisch vorzugehen, ist auch für Musik-Studierende wichtig, die ihren beruflichen Weg noch vor sich haben. "Aus meiner Erfahrung heraus, empfehle ich, offen zu sein, sich möglichst breit aufzustellen um gefordert zu sein (sofern man das möchte), Aufträge zu bekommen und finanziell abgesichert zu sein. Die Zeiten ändern sich wahnsinnig schnell. Ebenso wie die Wahrnehmung von Musik bei den Konsumenten. Die junge Generation geht anders an Musik heran, kreiert sie auf andere Weise und durch Youtube werden ganz andere Künstler hervorgebracht als noch vor zehn Jahren. Gerade Hybridproduktionen von z.B. Rock und Klassik können auch für klassische Musiker interessant sein."

Martin geht nun erst einmal aufs Schiff. Und für die Zeit danach hat er sich vorgenommen, noch mehr in Richtung orchestrale Filmmusik zu gehen. Die Voraussetzungen für das Schreiben von Filmmusik hat er seit Langem, die Motivation dazu ebenfalls. Jetzt fehlen nur noch entsprechende Aufträge.

 

 

Mittlerweile liegt auch die Schiffs-Konzertreise mit Bobby Kimball und Silvia Vicinelli hinter ihm. Sie war und ist die Fortführung einer fruchtbaren Zusammenarbeit in diesem kreativen Quartett. 2016 produzierte und arrangierte Martin die Duett Single „You & I“ von und mit Silvia Vicinelli und Bobby Kimball, sowie das dazugehörige Musikvideo. Ein zweites Duett mit dem Weltstar und weitere Konzerte sind in Arbeit.

 


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