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Musikgespräche

Josef Bulva: Wenn Leidenschaft Grenzen sprengt

Am 26. Januar tritt Josef Bulva im Rittersaal des Mannheimer Schlosses auf. SINFONIMA führte ein ausführliches Gespräch mit ihm über Reifeprozesse und Perfektion, über Mathematik und Astrophysik, über seine Sucht und warum jeder in seinem Leben einen Flughafen bauen sollte.

Bildrechte: Josef Bulva

Sein Leben ist gezeichnet von großen Chancen aber auch harten Schicksalsschlägen. Josef Bulva wurde 1943 in der ehemaligen Tschechoslowakei geboren und galt schon früh als Wunderkind am Klavier. Gefördert vom sozialistischen Regime der damaligen CSSR, folgte mit 21 Jahren die Ernennung zum Staatssolisten. Der erste seiner zwei unfassbar schweren Unfälle (1971 und 1996) ermöglichte ihm zwar eine Flucht in den Westen, führte aber gleichzeitig zu einer Anklage und Verurteilung wegen Hochverrats seitens der damaligen Tschechoslowakei. Im Westen schaffte er es aus eigener Kraft, als Ausnahme-Pianist erfolgreich zu sein, doch es folgte ein weiterer Schicksalsschlag: Ein zweiter Unfall, der seine linke Hand zerfetzte, zwang ihn, für 15 Jahre auf das Klavierspiel zu verzichten. Ein Ende seiner Pianistenlaufbahn schien unvermeidlich. Doch wieder schaffte Bulva es, sich aufzurappeln und wurde als Börsenmakler erneut sehr erfolgreich. Dann gelingt Unerwartetes: Eine Operation seiner Hand in der Schweiz verläuft so positiv, dass es ihm gelingt, wieder seinen Traum zu leben: Klavier zu spielen und in die Konzertsäle zurückzukehren.

Am 26. Januar tritt er im Rittersaal des Mannheimer Schlosses auf. SINFONIMA führte vorab ein ausführliches Gespräch mit ihm über Reifeprozesse und Perfektion, über Mathematik und Astrophysik, über seine Sucht und warum jeder in seinem Leben einen Flughafen bauen sollte.

Sie spielen wahrscheinlich schon länger Klavier als es die meisten Menschen in ihrem Leben tun. Müssen Sie trotzdem üben oder laufen bei Ihnen die Finger ganz automatisch? Mir fehlt sogar die Zeit zum Üben, so viel ich üben möchte und es bräuchte. Sie müssen jedoch trennen: Wir Interpreten müssen nicht, wie z.B. Studenten stundenlang Tonleitern üben. Die künstlerische Arbeit eines Interpreten besteht darin, eine bestimmte Idee umzusetzen und hörbar zu machen. Dazu muss ich bestimmte Techniken üben. Und solange ich diese Idee noch nicht hörbar gemacht habe, habe ich zu tun. Sie müssen wissen, ich habe sogar Weihnachten und Einladungen für meinen Geburtstag gecancelt, weil ich täglich sieben Stunden am Klavier sitze.
Musizieren sollte ein Reifeprozess ein. Man sieht und erlebt seine Musik jeweils anders. Bei den jungen Pianisten fehlt die Altersweisheit. Sie versuchen alles mit Geschwindigkeit und Lautstärke zu kompensieren, was noch nicht ganz so passt. Musik ist aber kein Sport. Der Sportler kämpft darum, die Aufgabe in verkürzter Zeit zu absolvieren. Dann ist er Sieger. Aber das geht nicht in der Musik. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit sind die Kompositionen einfach nicht mehr verständlich. Bei Beethoven, bei dem jede Note gemeißelt, also sehr deutlich gespielt werden muss, wird aus dem Appassionata schnell ein Klangaggregat. Das klingt zwar schön und Menschen, die sich nicht gut auskennen, würden vielleicht sagen: „Oh, der hat diesen Part abgefeuert.“ Aber nein, er hat diesen Part eigentlich VERfeuert. Das sind solche Hinweise auf den Lebensweg eines Musikers. Wenn sie jung sind, ist das Ziel, alle Tasten zu treffen. Das ist natürlich wichtig aber für die Wiedergabe der Musik nicht entscheidend. Die Phrasierung muss stimmen und die Stimmigkeit des Konzepts. Das ist viel wichtiger, als wenn man mal in einer Passage danebenstolpert. Es ist sehr leicht zu artikulieren, viel schwieriger ist es jedoch, zu gestalten.

Weshalb hatte das Klavier es Ihnen bereits als Kind angetan? Gab es einen auslösenden Moment?
Das meiste kompositorische Erbe, das uns Komponisten hinterließen, ist dem Klavier gewidmet. Beethoven hat 32 Klaviersonaten komponiert aber nur sechs Violinsonaten, Mozart 27 Klavier- aber nur sechs Violinkonzerte. Liszt und Chopin haben überhaupt nichts für Geige geschrieben. Im Jahr 1896 wurden in Berlin 301 Klavierproduzenten registriert.
Zu dieser Zeit haben sich Menschen mit einem festen Job und ein bisschen Geld ein Klavier gekauft. Es gab bei mir keinen ausschlaggebenden Moment für das Klavier. Ich wuchs in einer großbürgerlichen Familie auf. In diesen Kreisen gehörte es schon zum guten Ton, dass ein Kind Klavierspielen lernt.

Sie waren Staatssolist in der damaligen Tschechoslowakei und wurden zum Staatsbürger in Luxemburg ernannt. War es für Sie – Sie waren damals erst 21 Jahre alt – Ehre oder Bürde, diese Titel zu tragen? Mit welchen Erwartungen waren diese Titel verbunden?
Dieses Thema eignet sich eigentlich für ein eigenes Interview. Ich möchte nur kurz so viel dazu sagen: Wenn Sie als Bürger die Macht respektieren, können Sie ein sehr gutes Leben führen, von dem Sie nur träumen können. Allerdings wird jeder, der sich dagegenstellt und einen Konflikt mit dem Regime bewirkt, in der Diktatur einfach weggefegt und beseitigt.
Ich möchte hier nicht kokettieren, ich bin sicherlich nicht der bedeutendste Künstler, der den Ostblock verließ, aber vom politischem Ranking im Staatsapparat her gesehen, bin ich sicherlich das höchste, was der Sozialismus hinterlassen hat. Und das hat nichts zu tun mit meinem Klavierspiel.

Wer sind Sie abseits des Pianisten? Wie verbringen Sie gerne Ihre Freizeit?
Ich frage mich, wo meine Freizeit geblieben ist. Ich lebe ein sonderbares Leben, da ich mein ganzes Leben alleine bin ­– abgesehen von Beziehungen auf Zeit. Natürlich gibt es Freizeit. Aber Freizeit in dem Sinne, dass Menschen sich zusammentelefonieren und fragen „Was machen wir heute Abend, vielleicht Kino?“, das ist bei mir anders. Ich weiß, was ich an einem bestimmten Abend im Mai mache, weil das verplant ist. Aber das ist bei mir nicht negativ. Ich habe ein paar Mal versucht, mich zum Urlaub zu zwingen und bin zwei Tage an einen anderen Ort gefahren aber nach zwei Tagen war ich wieder zurück.
Ich tue gern etwas für andere Menschen, z.B. versuche ich aktuell jemandem in Paris zu helfen, der medizinisch in Deutschland nicht weiterkommt. Meine Besuche in berühmten Restaurants oder Neigung zu teuren Autos kann man immer ambivalent auslegen. Meistens verbringe ich Zeit mit Menschen, von denen ich etwas lernen kann. Das ist sicher ein Credo aus meinen Kinderzeiten. Zum Beispiel studiere ich in meiner Freizeit Astrophysik und bin abhängig. Allerdings nicht von Alkohol oder Kokain sondern von Richard Wagner. So bin ich jedes Jahr mehrere Tage in Bayreuth. So sieht mein kollateraler Alltag rund um das Klavierspiel aus. 

Sie sind ein sehr gebildeter, wissbegieriger Mensch. Gibt es Dinge im Leben, die Sie nie gelernt haben aber gerne können würden?
Im mentalen Bereich, ja. Ich hätte gern mehr innere Ruhe und Geduld. Ich habe überhaupt keine Geduld, kein erfolgreicher Mensch hat Geduld. Ich würde gerne mehr Fremdsprachen sprechen. Das ist auch ein Verdammnis des Sozialismus. Wir dürfen keine fremde Sprache sprechen. Ich kam nach Deutschland und sprach kein einziges Wort deutsch. Das war furchtbar. Mir war schon bewusst, was ich repräsentiere aber ich konnte es sprachlich nicht vermitteln. Also erhielten die Menschen permanent ein anderes Bild von mir, als das, was sie verdienen oder hätten erhalten müssen.  Das war eine Qual.
Mein Vater hat zig Mal der Regierung gesagt, „wenn das Kind Staatswunder sein soll, dann muss es sich artikulieren können. Nur mit tschechisch und russisch funktioniert das nicht.“ Ich hatte das Glück, als ich nach Deutschland kam, in einer Familie untergebracht worden zu sein, bei der das Familienoberhaupt sehr darauf bedacht war, meine Sprache zu polieren. Und heute bin ich wiederum stolz, weil ich besser deutsch spreche als 90% der Deutschen. Den Akzent bekomme ich nicht weg aber das interessiert mich auch nicht so. Ich schikaniere häufiger mal die Presse, wenn diese die Grammatik falsch verwenden.

Welches war das schönste Kompliment, das Ihnen jemand einmal gemacht hat?
Wissen Sie, ich habe eine schwierige Eigenschaft, ich kann mich eigentlich nicht freuen. Satisfaction ist die beste Einleitung der Stagnation.
Eines fällt mir jedoch ein: Ich war einmal mit einem Weltstar aus der Fotobranche zusammen. Sie wurde mal in einem Interview gefragt, was sie eigentlich mit mir will (ich war damals 45). Sie antwortete: „Wissen Sie, er ist nicht Arnold Schwarzenegger oder Silvester Stallone oder Markus Schenkenberg, aber wenn er vorbeigeht, spüren wir alle Mädels, dass er ein Mann ist und wir fühlen uns als Frau.“ Es war nicht Martin Walser-reif aber dennoch ein Kompliment.
Und natürlich ist es eine schöne Anerkennung und schmeichelhaft, dass ich neulich an der Wiener Universität war, gemeinsam mit dem Chef der Klasse für angewandte Mathematik. Das ist etwas, das verstehen vielleicht 0,0001% Menschen auf der Uni und ich Pianist sitze dabei und philosophiere mit diesen Menschen über hohe Mathematik.

Studien zeigen, dass der Sinn für Zahlen und für Musik eng miteinander in Verbindung steht. Sie sind ein gutes Beispiel dafür, dass dies stimmt: Sie haben eine Zeit lang sehr erfolgreich Ihr Geld als Börsenmakler verdient. Fiel es Ihnen schwer, in der langen Krankheitsphase einen neuen Beruf für sich zu entdecken oder war dies eine ganz natürliche Entscheidung?
Es war eine moralische Entscheidung. Aber lassen Sie mich noch sagen: Mathematik und Musik hat gar nichts miteinander zu tun, auch wenn viele Studien dies behaupten. Ich gehöre zu den Menschen, die sehr intellektuell und professionell die Arbeit wahrnehmen und im Unterschied zu vielen anderen Künstlern bin ich wirklich flink in Mathematik, auch in angewandter Mathematik. Ich kann Ihnen die Gesetze abspulen und halte die angeblichen Zusammenhänge für Nonsens.
Wenn Sie Zeit oder bestimmte Rhythmen messen, hat das nichts mit Mathematik zu tun, sondern es sind in einer Zahlenreihe bedingte Informationen über Abstände. Mathematik ist eine Artikulation physikalischer Zeit. Ich werde übrigens gemeinsam mit Harald Lesch (Prof. Dr. Harald Lesch, deutscher Astrophysiker und u.a. Moderator der Sendung Terra X) an der Münchner Uni drei Vorlesungen halten über diesen Nonsens.

Es war also eine moralische Entscheidung, an die Börse zu gehen?
Ja. Ich war 54 Jahre alt und hatte die Verantwortung für meine sehr alte Mutter, ich musste Geld verdienen. Und meine Überzeugung lautet: Am besten verdienen Sie Geld mit Geld.

Haben Sie den Beruf gemocht?
Wenn Sie ihrer Sekretärin sagen, „mir gefällt der Sportwagen, lass ihn mir in die Garage stellen“ und er steht dann kurz darauf tatsächlich dort, dann ist das schon ein angenehmes Gefühl. Aber die Arbeit selbst ist natürlich langweilig. Man ist eigentlich dazu da, ein Klavierkonzert von Brahms zu spielen und was man tut, ist 20.000 EUR von links nach rechts zu schieben. Das ist schon ein erniedrigendes Gefühl. Eine Mozartsonate zu spielen ist wesentlich schwieriger. Als mich meine Mutter verlassen hat, habe ich die Börse verlassen. Es war lediglich ein Mittel, um Geld zu verdienen aber ich konnte nicht anders, als zum Klavier zurückzukehren, nachdem mir die Medizin geholfen hat.   

Glauben Sie wirklich, dass es nur die Medizin war oder glauben Sie auch an Wunder?
An Wunder? Nein, selbst, wenn Sie jetzt hier auf meinem Balkon landen würden. Nein, das waren chirurgische Eingriffe, die mir geholfen haben. Natürlich, ohne meine Disziplin und meine Willensstärke hätte es auch nicht funktioniert.
Wunder und Glück kann man nicht herbeiführen oder manipulieren, sonst wäre es ein Resultat einer Handlung. Aber es ist wichtig, den Flughafen zu bauen, damit das Glück landen kann.

 

Josef Bulva spielt am 26. Januar um 20 Uhr im Rittersaal des Mannheimer Schlosses Klaviersonaten von Mozart (Nr. 17 in B-Dur), Beethoven (Nr. 24, Fis-Dur, Nr. 27, Rondò a Capriccio op. 129), Chopin (Nr. 2) und Skrjabin (Nr. 3, fis-moll). Karten unter Telefon 01806/700733, www.reservix.de oder an bekannten Vorverkaufsstellen.



Foto: Angelo Antolino

 

 

 


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